Jazz im Ruhrgebiet - Einleitung

Wer die Jazzszene Ruhrgebiet ansteuert, der darf, nach allem, was ihm an Informationen zugeflossen ist, eine blühende Landschaft erwarten. Demnach befindet sich dort eines der attraktivsten Modelle aus der Kategorie „Jazzclub“ (obwohl es über dessen übliche Dimensionen längst hinausgewachsen ist), das Domicil in Dortmund.

"Final Jazztination"

domicil in dortmund - Foto: Kurt Rade
domicil in dortmund - Foto: Kurt Rade


Im Ruhrgebiet, in Moers - hier heißt der Kulturdezernent Hans Gerd Rötters,  wird seit seit bald vier Jahrzehnten eines der bedeutendsten deutschen Jazzfestivals programmiert. Im Ruhrgebiet, nicht an den großen Häusern in Berlin, Hamburg, München oder Köln pflegt ein Tempel der klassischen Muse ein für diese Institutionen beispielloses Jazz-Programm, die Philharmonie Essen. In derselben Stadt kann man seit nunmehr 20 Jahren Jazz auf Hochschul-Niveau studieren, an der entsprechenden Abteilung der Folkwang Musik Hochschule in Essen-Werden.

Jazzfestival in Moers 2009
Jazzfestival in Moers 2009
  
Folkwang Musikhochschule in Essen-Werden
Folkwang Musikhochschule in Essen-Werden

Prominenz aus der Provinz

Vadim Neselovskyi
Vadim Neselovskyi
Das Ruhrgebiet, und dort Unna, ist der Ausgangsort für die steile Karriere eines jungen Immigranten aus Odessa, die ihn, Vadim Neselovskyi, binnen weniger Jahre in einhoch-renommiertes Jazz-Ensemble in Amerika katapultiert hat, das Gary Burton Quintet.


 



Helge Schneider - Foto: Kurt Rade
Helge Schneider - Foto: Kurt Rade
Im Ruhrgebiet schließlich, in Mülheim an der Ruhr, lebt bekanntlich das As aller deutschen Comedians, Helge Schneider, den nicht wenige auch für einen exzellenten Jazzmusiker halten; in der Tat hält er sich auf mehreren Instrumenten im Mainstream Jazz ganz gut im Mittelfeld, er hat - am Tenorsaxophon - gemeinsam auf der Bühne mit der Kölner Saxophon Mafia keine schlechte Figur gemacht.
Im Anflug, gewissermaßen immer noch aus der Vogelperspektive betrachtet, müsste man unserem Reisenden freilich auch folgende Diagnose über die blühende Landschaft zustecken:
 
 

Aus Sicht der Wissenschaft

„Für sich genommen stehen die Städte des Reviers in statistischem Vergleich durchgängig schlechter da; nimmt man sie zusammen, dann stellen sie ein beachtliches Potential dar.“

Dieser Satz stammt von Prof. Jörn Rüsen, dem vormaligen Leiter des KWI in Essen, des Kulturwissenschaftlichen Institutes, geäußert bei einer Konferenz Januar 2002. Rüsen bezieht sich nicht auf den Jazz, sondern - wie bei solchen Anlässen üblich - auf den etablierten Kulturkanon von Klassischer Musik, Theater und Tanz bis zu den Museen, eingeschlossen auch den Film. „Es liegt nahe, daraus folgende Konsequenz zu ziehen“, sagt Prof. Rüsen und zitiert im Kern seiner Beobachtungen einen Satz des Bochumer Kulturstatistikers Gerd Micosatt. Der Satz ist zugleich Diagnose und Therapie:

„Nicht jeder kann alles anbieten, aber die Region kann alles bieten.“


Wohlgemerkt, dieser Satz bezieht sich nicht auf den Jazz. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kunstgattungen aber befolgt ihn die Jazzszene im Ruhrgebiet seit langem wie ein unausgesprochenes Leitmotiv. Sie tut dies eher nolens volens, denn sie hat ihn als bittere Lektion kennengelernt.
Genau davon handelt der Jazzatlas Ruhrgebiet. Die blühende Landschaft ist nämlich nur ein gedachtes Konstrukt aus weitgehend inkompatiblen Elementen: gut bestellte Flächen sind von Brachen umgrenzt, in manchen Städten besteht die Jazzwelt aus Asphaltblüten, keiner weiß, woraus der Humus bestehen könnte. Und Humus heißt nicht immer „Kohle vom Kulturamt“, sondern auch Anerkennung, Kenntnis voneinander, Vernetzung.
Etliche Gesprächspartner des Jazzatlas Ruhrgebiet akzeptierten das Bild, das ihnen von der Jazzlandschaft Ruhr vorgezeichnet wurde.

Die V-Gestalt der Grugahalle

Grugahalle in Essen
Grugahalle in Essen

„Rufen Sie sich bitte mal die Gestalt der Grugahalle in Essen vor Augen: dieses V-Zeichen mit den abgeflachten Schenkeln. Wenn man diese Schenkel nun noch weiter nach unten neigt, um keine falschen Wertigkeiten entstehen zu lassen, könnte diese Figur nicht ganz gut die Geografie des Ruhrgebietes symbolisieren? Und darauf, als buttons angeheftet, die Jazz-Aktivitäten in den diversen Städten?

Als Schwerpunkt, als Mittelachse, hätten wir Essen; jazzmäßig wären hier die Philharmonie und die Folkwang Hochschule einzutragen.
Am Ende des linken Schenkels, „im Westen“, stünden Moers, wegen des Moers Festivals, und gleich daneben Duisburg wegen des Traumzeitfestivals. Dazwischen aber, also zur Mitte, nach Essen hin, wäre nichts einzutragen.
Und ebenso ginge es auf dem Weg „nach Osten“, am Endes des rechten Schenkels prangte einsam ein Eintrag für „Dortmund, Domcil“, und gleich daneben ein kleiner button für die Jazz-Aktivitäten der Hellweg Region (von denen viele im Rest des Reviers nichts wissen.)

Selbstverständlich, diese Symbolisierung ist grob und in Teilen deshalb auch ungerecht. Sie müsste deshalb auf Dreidimensionalität erweitert werden, um z.B. einen kleinen button für Dinslaken anzubringen, ebenso einen für Gelsenkirchen, ganz zu schweigen von den buttons für eher historische Verdienste in Bochum und Herne.
Aber im Großen & Ganzen hielten etliche die V-Gestalt der Grugahalle für geeignet, die sehr verschiedenen Jazz-Aktivitäten im Ruhrgebiet zu symbolisieren.

Robert von Zahn - Foto: Kurt Rade
Robert von Zahn - Foto: Kurt Rade
Dr. Robert von Zahn
, Generalsekretär des Landesmusikrates NRW, hält eine gerechte Verteilung kultureller Aktivitäten ohnehin für eine „Politiker-Illusion“. Man könne zwar versuchen, neue Schwerpunkte zu gründen, wie es das Land gegenwärtig mit dem Dortmunder „U“ versuche. „Aber das ist immer ein sehr riskantes Unternehmen. Ob die Szenen auf Dauer solche Orte dauerhaft annehmen, ist von Faktoren abhängig, die die Politik oft gar nicht richtig beinflussen kann.“


 

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Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade
Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade

Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der   seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen  - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind.




Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel


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Mi, 17.02.2010 0

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17.02.2010

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