
Still-Leben A40 - Wir sind das Volk
- Serie: Ökonomie
Es ist eine wahrhaft wundersame Geschichte, die geschätzte drei Millionen gestern auf der gesperrten A40 erlebt haben. Heute Morgen wacht man auf und denkt, man habe geträumt, schaut aus dem Fenster auf die Bundestraße 1, zum Beispiel in Dortmund, und wird bestätigt. Alles richtig, alles wie immer. Das „Sommermärchen der Großen Erwanderung“ ist aber eine unwiederbringliche Wahrheit. „Da wird man noch drüber reden, wenn wir nicht mehr da sind“, sagt eine Dame am Rande der Veranstaltung, „das bleibt im Gedächtnis und wird an die folgenden Generationen weitergegeben.“
Vorab-Meckerer
Es ging damals vielen auf die Nerven, wenn bei allen möglichen Ankündigungsreden immer wieder die Sperrung der als als einziges Projekt genannt wurde. Bezirksbürgermeister X fiel nichts anders ein. Dies hat die Vorabmeckerer bestätigt. Allerdings war dieser Plan von Anfang an der wahnsinnigste und man konnte sich auf ein geplantes Drumherum-Verkehrschaos freuen. Aber selbst dies blieb aus.
Das Böse lockt
Die A40 ist zugleich notwendig – als sogenannte Lebensader des Reviers - als auch ein großes Übel. Wenn das Übel nun stille ist, wenn es nicht mehr tönt und schnaubt, dann ist es verlockend, als könne man nun sein Eigentum endlich in Besitz nehmen, das man sonst nicht betreten durfte, es sein denn man hatte eine Panne oder war todessüchtig. Die Menschen zogen aus, sich zu zeigen und zu zeigen, dass sie es sind, die hier ein Event zu dem machen, was er ist: Ein grandioses Erlebnis für alle.
Menschenauflauf und Radlerwahn
Wer sich in den innerstädtischen Bereichen des Stilllebens aufhielt oder fortkommen wollte, hatte es mit Cranger-Kirmes ähnlichen Aufläufen zu tun. Kaum war man eine oder zwei Auffahrten weiter, gab es eine Entspannung, die sich über den ganzen Tag legte, ein Gefühl, das manche als „friedlich“ bezeichneten. Rücksichtsvoll und an die Regel haltend, bewegten sich Familien, Gruppen aller Art, Einzelläufer und Touristen über den Asphalt, als sei es eine Parkanlage. Radler und Skater, alle in Geisterfahrerrichtung, vielleicht ein weiteres feines Ideechen, gaben dem Bild eine unwirkliche Anmutung. An den Hügeln, die in manchen Streckenabschnitten seitlich im Schatten lagen, saßen Zuschauer, als verfolgten sie eine Mischung aus Tour de France, Reviermarathon und Iron-Man.
Ohne Stau keine B1
Dass Auffahrten teilzeitlich gesperrt wurden, da es zu Staus gekommen war, Staus aus Menschen und Rädern, gehört scheinbar unumstößlich zur Kultur der Region. Weitere Staus gab es an Dixie-Klos, an den Edeka-Verkaufsständen, vor einigen Darbietungen, vor den Türen durch die Schallschutzmauern. Heute ist all dies ein positiv traumatisches Erinnerungsfeld, das so nicht wiederholbar ist.
Kommerzfrei
Es hat tatsächlich geklappt – eine Großveranstaltung ohne Bier- und Wurststände, die das Bild zu einer gigantischen Dorfkirmes verschandelt hätten. Die Menschen hielten sich an Vorgaben, zumindest überwiegend. Die Ordner drückten Augen zu, man half sich gegenseitig. Das Wasser kostete 50 Cent. Chapeau!
Wiederholungen
Schon tönt es aus Rathäusern, man müsse dies wiederholen. „Falls der BVB Meister wird, werden wir das in Dortmund wiederholen.“ Solche Äußerungen künden davon, dass die Ahnungslosigkeit der Revierentscheider unverrückt scheint. Die haben den Schuss nicht gehört, haben nicht begriffen, dass es nicht um Teilabschnitte oder Volksfeste geht. Die Gesamtsperrung ist eine „bekloppte Idee“, die nur insgesamt funktioniert. Das haben die Bürger schon lange begriffen, aber es wird schon wieder an Stücksken-Lösungen gebastelt. An der Besetzung der Bierzeltgarnituren (welch ein Begriff!) konnte man erkennen, dass hier nicht das Lokale im Lokalen bleibt. Im Dortmunder Teil waren gewünscht Bank- und Tischmieter aus Bochum, Oldenburg, Münster, Essen und anderen Orten vertreten. (Leider gibt es offenbar keine Liste, aus der man die ungeheure Vielfalt der Anmeldungen ersehen kann).
Heimat
Stillleben war wohl der Höhepunkt der Bürger-Mitnahme-Veranstaltungen. Was soll jetzt noch kommen? Die Tische sind abgeräumt, die zurückgelassenen Fahrräder eingesammelt, die Vertreter in ihren Audis und Opel wieder unterwegs.
Das Wort Heimat wurde oft genannt, von Jungen wie von Alten. „Das ist Heimaterde, die wir hier endliche betreten würden“, sagt ein 82-Jähriger. Stillleben war somit das größte und auch so unerwartete gemeinschaftlich begangene Ereignis der Geschichte des Ruhrgebiets. Das ist – mit Verlaub – keine Übertreibung Hier manifestierte sich der gemeinsame Gedanke an eine Region. Die Sprache wurde ebenso zelebriert wie die wenigen traditionellen Lieder. Die Vereinnahmung des Zentrums, der Lebensader, war ein Pilgerzug zu neuen Ufern. So pathetisch könnte man es sagen, wäre da nicht die Realität, die unweigerlich zuschlagen wird. Man wird es als Volksfest abhaken, es bleibt bei Zersplitterung und der Unterschätzung der eigenen Bevölkerung und Kultur. (Foto: Taiji in Dortmund-Dorstfeld)
Kritik
Man hätte mit der Vergabe der Tische nicht so agieren sollen, als seien sie schnell ausverkauft gewesen. Am Ende blieben einige kurze Strecken leer. Man hatte noch zwei Tage zuvor damit geworben, dass es noch Tische gäbe. Diese Werbemaßnahme war Unfug und nicht nötig.
Leider war es nicht möglich, mehrere Städte und deren Autobahnstrände zu besuchen. So sind wir auf Erzählungen und Erlebnisberichte, auf Fotos und Videos angewiesen.
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