Verwaltung oder Entfaltung? Ein Kommentar zum Kulturstandort Ruhrgebiet

Die Kulturszene im Ruhrgebiet ist, wie Olaf Sundermeyer treffend beschreibt, ein „zartes aber aufblühendes Pflänzchen“. Aber ob sie wirklich der Fürsorge bedarf, da bin ich nicht sicher. Ich glaube, dass eine stabile, eigenständige und lebendige Kulturszene sich nicht auf Unterstützung von außen verlassen darf. Vielmehr muss sie sich selber erschaffen und am Leben erhalten. Do it yourself. Das mag der steinige Weg sein, aber es schafft auch Selbstvertrauen und gibt Sicherheit. Oder zumindest bewahrt es vor falscher Sicherheit, die letztlich noch viel fataler sein kann als einkalkulierte Unsicherheit.

Zweifelhafte Sicherheiten
Die politische Farce um das Dortmunder U oder die, ebenfalls im Eingangs verlinkten Artikel thematisierten, Äusserungen des Dortmunder OB-Kandidaten Pohlmann gegen die freie Szene in Dortmund zeigen, dass man es mit zweifelhaften Sicherheiten zu tun hat, wenn man sich auf Gedeih und Verderb den Förderungen und Forderungen von Politik und Wirtschaft anvertraut. Allzu oft wird die kreative Szene dabei instrumentalisiert. Täglich muss sie derzeit als Aushängeschild der Kulturhauptstadt herhalten, im Munde geführt von Menschen, die Graffiti als Vandalismus bezeichnen und für die Bars und Clubs Lärmquellen statt Quellen der Vernetzung und kreativer Ideen sind. Einer der Hauptkritikpunkte, der mir immer wieder in Gesprächen mit „den Kreativen“ der Region begegnet, ist jener, dass sie sich nicht ernst genommen und von vielen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen fühlen; dass viel Geld für Prestigeprojekte ausgegeben wird, von denen man hier vor Ort letztlich nichts hat; dass den Entscheidern Gespür und Verständnis für Subkultur und alternative Kulturarbeit an der Basis abgeht. Ich glaube, viel nötiger als Fürsorge hat die hiesige Kulturszene es, dass man sie gewähren lässt und ihr Freiräume und bessere strukturelle Rahmenbedingungen schafft.

Do it yourself

Vielleicht täuscht mich der Eindruck, aber man hat derzeit das Gefühl, dass kaum jemand sich noch auf Institutionen wie z.B. die Städte verlassen will. Man betrachtet ihre Förderungen mit Argwohn und macht es lieber selbst. Zahlreiche Projekte zeugen von einer Enttäuschung, auf die aus Trotz Eigeninitiative folgt, oder aber von dem von vornherein bestehenden Wunsch, eine alternative Undergroundszene zu sein und sich klar von vielen offiziellen Kulturhauptstadtprojekten abzugrenzen.

Kreuzberg und das Ruhrgebiet

Die für ihre Kulturszene berühmten Viertel wie Berlin Kreuzberg oder das Hamburger Schanzenviertel sind auch so entstanden – hier haben Künstler, Querdenker, Verrückte und Freaks sich mühsam ihren Freiraum errungen und nach ihren Vorstellungen gestaltet. Das führt nicht nur zu einer einzigartigen, vielfältigen und bunten Kulturlandschaft, die unglaublich fruchtbar ist, sondern auch zu einer sehr hohen Identifikation der Menschen mit ihrem Viertel. Beides Dinge, die hier im Ruhrgebiet noch selten sind. Aber in Berlin und Hamburg war es ein langer, konfliktreicher Prozess (und ist es immer noch), diese Viertel als Freizonen der Kreativität zu etablieren. Und auch dort gibt es die Tendenzen, die in der Kulturhauptstadt für Irritationen bei vielen Kreativen sorgen: wenn Stadtplaner und Investoren merken, das diese Viertel über ein besonderes Flair verfügen, wenn die Gentrifizierung einsetzt und das bunte Chaos Kaufkraft anlockt, dann versucht man, diese Biotope in das Verwaltungs- und Verwertungssystem einzugliedern. Aber das funktioniert nicht: Man bekommt kein Kreuzberg ohne Hundescheisse und besetzte Häuser, kein Schanzenviertel ohne Rote Flora. Und wenn man versucht, den 'Dreck' loszuwerden und nur das 'Vermarktbare' übrig zu lassen, dann stirbt das ganze Biotop. Sprich: die Künstler und die Freaks ziehen dann halt nach Neukölln.

Glamour statt Nachhaltigkeit?

Im Ruhrgebiet hat man oft den Eindruck, man wolle hier direkt zur Verwertung übergehen. Eine von oben initiierte Gentrifizierung quasi, um sofort in den Reigen der angesagten Regionen aufzusteigen. Besonders im Kulturhauptstadtjahr, so scheint es, wird mit durchgestyleten Stadtmarketing-Projekten versucht, der Welt und sich selbst auf Biegen und Brechen einen Eindruck vom Ruhrgebiet zu vermitteln, der überhaupt nicht stimmt. Man wird keine Metropole, wenn man sich nur lange genug so nennt. Hier muss noch vieles lange wachsen. Statt viel Geld in Hochglanz- und Prestigeprojekte zu pumpen, oder, wie OB-Kandidat Pohlmann es fordert, die knappen Mittel allein auf Hochkultur zu konzentrieren, sollte lieber die Substanz im Ruhrgebiet erkannt und gefördert werden: kleine Theater, coole Ateliers, urige Läden, avantgardistische Clubs, alteingesessene Konzerthallen und wunderbar abgeranzte Bars, in denen die Szene sich trifft.

Weniger Verwaltung, mehr Entfaltung

Aber die Substanz erweist sich zum Glück in vielen Fällen als sehr robust. Man vernetzt sich, baut eigene Infrastrukturen auf, wo Städte kein Interesse oder Verständnis zeigen, die Politik sich in Wahlkampf-Streitereien verliert. Man nutzt Schlupflöcher und Windschatten, wo Ordnungsämter und Verwaltungen die Entfaltung einer florierenden kulturellen Szene bremsen. Und am Ende kann etwas entstehen, das den Menschen gehört. Das sich nicht von außen kontrollieren, regulieren, vermarkten und verwalten lässt. Das ist es, was das Ruhrgebiet bitter nötig hat. Was geschehen muss, ist eine Autonomisierung des Kreativen, die Erstreitung von Freiräumen, Biotopen, in denen experimentiert werden darf, in denen sich das Kreative in seiner ganzen chaotischen, lauten, bunten und oftmals dreckigen Art entfalten kann. Eine 'Metropole Ruhr' braucht weniger Shopping Malls und Ketten, weniger illuminierte Industriedenkmäler und sterile Bauprojekte, weniger 1-Euro-Shops und Leerstände in den Innenstädten, dafür mehr Farbe und Unordnung, mehr Wohlwollen und nicht-verwalteten Raum für Kunst und Kultur. Und die Künstler und Freidenker in der Region wollen ihn sich nehmen. Die Kulturhauptstadt muss aus diesem Raum bestehen, mit dem Menschen sich identifizieren können und wollen.

Titelbild: erstellt mit www.wordle.net

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Foto: Zucker (Profil bei piqs)



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Sa, 17.04.2010 1

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Kommentare

Auf der einen Seite gebe ich

Auf der einen Seite gebe ich dir natürlich recht. Im Zweifel gilt natürlich Do-It-Yourself und sich nicht auf andere verlassen, gerade wenn das dann Regionalpolitiker sein würden. Andererseits: http://www.youtube.com/watch?v=oYaPf9NMsDo

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19.01.2010

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