Teenage Angst Ensemble - Publikum ohne Sektgläschen

Mein Nachbar Dennis sagte, er könne mich überall hereinbringen. In diesem Fall hat er Recht behalten und verabschiedet sich grinsend von mir, nachdem er die Tür zur Bochumer Bastion „auf seine Art“ geöffnet hat. Es ist 2.36 Uhr nachts. Ich bin allein mit mir selbst und versuche meine Schreibblockade zu lösen.

Das folgende Interview hat nie stattgefunden. Die Personen auf den Fotos sind eine Reproduktion meiner Phantasie, ihre Charaktere und Sätze frei erfunden, ihre Namen ein Dankeschön an die Mieter Moana Köhring und Daniel Nipshagen, die hinterher, „im Sinne der Kunst“, wie sie sagten, auf eine Anzeige verzichteten.
Ein Selbstversuch mit Hilfe des Teenage Angst Ensemble:

Vor wem oder was hattet ihr in eurer Jugend am meisten Angst?

Moana: Ehrlich gesagt, hatte ich ziemlich wenig Angst. Ich hatte in meiner Jugend immer den Eindruck, dass ich alles machen kann, was ich möchte, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann und schon alles klappen wird. Ein Eindruck, der sich hinterher ein bisschen relativiert hat. Aber eigentlich bin ich ganz behütet in Bielefeld aufgewachsen.

Daniel:
Ich hatte Angst vor dem Alleinsein. Meine Eltern waren beide berufstätig, was auf jeden Fall immer schlimm war. Ich hatte schon als Kind Höhenangst und Angst vor Flugzeugen. Das hat sich bis heute gehalten. Wenn wir auf Tournee am Frankfurter Flughafen vorbeikommen, ist das mich jedes Mal eine echte Tortour. Mit der Familie haben wir früher regelmäßig Ausflüge zum Düsseldorfer Flughafen gemacht. Was ein schöner Ausflug sein sollte, war für mich der absolute Horror. Soweit es geht, vermeide ich es, selber zu fliegen. Ich habe es viermal gemacht und auch für die Menschen um mich herum war das eine ganz schön anstrengende Angelegenheit.

Moana:
Wenn wir jetzt so anfangen… Ich hatte immer Angst vor allen möglichen Tieren. Besonders vor Hunden und vor Spinnen. Die Spinnen mag ich bis heute noch nicht.

Welche Komponenten künstlerischer Darstellung vereint das Teenage Angst Ensemble?

Moana: Alle!

D
aniel: Wir haben natürlich ein bisschen Theater, die Literatur in Form einer Lesung, Videokunst und Musik mit dabei. Sehr zum Schrecken von Moana, kündige ich schon seit einigen Monaten an, dass wir beim nächsten Stück womöglich auch selber Musik machen werden und wie bisher in Form von Platten auflegen. Das kann Livegesang sein, den wir mit Playback vermischen. Mit Stücken, die wir vorher mit Musikern hier aus dem Bunker zusammen produzieren werden.

Moana:
Wenn wir das Buch hinzu nehmen, sind auch künstlerische Gestaltung, also Design und Zeichnen mit dabei.

Daniel:
Eigentlich ist es unser Ansatz, nichts auszuschließen. Ich weiß noch nicht mal, ob der zweite Band der Espelkamp-Tapes, der in diesem Jahr noch erscheinen soll, überhaupt wieder ein Buch wird. Vielleicht wird es auch eine komisch aufgemachte Schallplatte. Wir wollen uns auf jeden Fall nicht auf eine ganz spezielle Ecke festlegen, sondern es soll eine Überraschung bleiben können.
Im Prinzip ist das Stück nie fertig ist. Es hat sich auf unseren Touren immer wieder verändert. Ständig ist irgendetwas Neues hinzugekommen, das vorher nicht da war. Im Idealfall verändert es sich stets weiter.

Ihr spielt auf eurer aktuellen Tour zum Stück "Die Lichtung" an Orten, wie im Ruhrgebiet das Druckluft in Oberhausen oder das Sissikingkong in Dortmund, die von Haus aus nicht für ein theaterbewusstes Stammpublikum bekannt sind. Steckt dahinter Kalkül?

Moana: Generell treten wir überall gerne auf. Wir waren auch im Staatstheater Saarbrücken. Vornehmlich sind es natürlich keine Theater. Allerdings machen wir auch kein Theater im klassischen Sinn. Wir sind immer froh, wenn wir Orte finden, wo die Leute sich nicht von vorneherein darauf festlegen, das und das zu sehen. Diese Erwartung können wir dann sowieso meist nicht erfüllen.

Daniel:
Es ist auf jeden Fall auch so, dass man dort ein anderes Publikum erreicht, weil da nicht das klassische Theaterpublikum mit dem Sektgläschen bereit steht. Demnächst führen wir das Stück im Cube, einer Diskothek in Paderborn, auf. Da wissen wir noch gar nicht, wie wir das machen sollen, da sich der Ort nicht bestuhlen lässt. Wenn es schlecht läuft, hat man das Problem, dass es gar nicht funktioniert, weil der Laden kein Theaterpublikum zieht und niemand kommt. Aber wenn es gut läuft, hat man ein gemischtes Völkchen vom Partygänger, bis zum Literatur- oder Kunstinteressierten da sitzen. Es soll sich auch vermischen.

Bedarf es aus eurer Sicht noch klassischer Schauspielhäuser, um Theater zu machen?

Moana: Natürlich! Diese ganzen Einrichtungen mit Schnürboden, oder den Leute, die da rumlaufen. Ich glaube nicht, dass man dieses Prinzip einfach so in irgendeine Diskothek übertragen kann.

Daniel: Das ist noch mal ein ganz anderes Erlebnis. Für das, was wir machen, ist dies ein guter Weg, aber ich glaube nicht, dass man das klassische Theaterhaus einfach so ersetzen kann.

Moana: Allein die Atmosphäre mit einem großen Kronleuchter und dann geht das Licht aus. Das ist dann etwas ganz anderes, als wenn z.B jemand zu Beginn des Stückes eine Diskokugel ausmacht.

Macht es Sinn, Synergien von städtischen und Off-Theatern auszubauen, oder plädiert ihr vielmehr für eine gegenseitige Abgrenzung?

Daniel: Ich glaube, dass die städtischen Theater davon auf jeden Fall profitieren können, wenn sie sich Leute aus dem Off-Bereich, nicht nur aus dem Theater, sondern aus der Subkultur heranholen. Peer Engelbracht, der die Videos für „Die Lichtung“ produziert hat, hat mit Impulskontrolle auch ganz viel am Schauspielhaus Bochum oder in Zürich gemacht. Davon haben die Projekte, an denen er beteiligt war, sehr profitiert. Beim Stück „1979“ hat er die Videoarbeiten gemacht. Das Ergebnis war super. In dem Fall hat Stadttheater seine Berechtigung, gleichzeitig sind andere Bereiche eingebunden und es kommt etwas total Spannendes dabei heraus.
 

Fotos: Michael Blatt

Fr, 05.03.2010 0

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05.01.2010

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