(c) Michael Blatt

Kreativität als letzte Ware (Teil 2)

Stadtsoziologe Tino Buchholz: "Das Ruhrgebiet ist ein schlafender Riese."

In der Post-Phase von Kohle- und Stahlindustrie hat das Ruhrgebiet auf der einen Seite Leerstände von der Größe einer Stadt angesammelt, andererseits die Kreativwirtschaft als vermeintlichen Fortschrittsmotor entdeckt. Dass beides nur selten miteinander interagiert, hat aus Sicht des Stadtsoziologen Tino Buchholz politische Gründe. Was die deutsche von der niederländischen Sozialdemokratie lernen kann, schildert er im zweiten Teil des Interviews zu seinem Dokumentarfilm "Creativity and the Capitalist City".

 

(Zu Teil 1)

 

Ist in Politik und Gesellschaft die Befürwortung von Zwischennutzungsinitiativen in den Niederlanden ausgeprägter als in Deutschland?

In den Niederlanden können wir von 40 Jahren institutionalisierter Hausbesetzung sprechen. Eine zivilisierte Form, wie man mit dem Konflikt des Mangels an bezahlbarem Wohnraum umgehen kann. In diesen 40 Jahren war immer mehr von Leerstand als von Eigentum die Rede. Überall anders war das stets eine ideologische Debatte, und das Eigentum als Recht unbeugsam und unverhandelbar. In meinem Film kann man sehen, wie zivilisiert selbstbestimmte Raumaneignungen dagegen ablaufen können. Vor allem unter sozialdemokratischer Flagge ist das möglich.

 

Kannst du dir dieses Modell auch in Deutschland vorstellen?

Wie gesagt, überall wo Sozialdemokraten in der Verantwortung stehen, sollte die Hausbesetzung denkbar und in der Praxis verhandelbar sein. Revolution sieht anders aus. Die niederländische Sozialdemokratin in meinem Film findet deutliche Worte: „Hausbesetzungen stehen für eine Gegenmacht zur vorherrschenden Wohnungspolitik. Der Konflikt ist kennzeichnend für eine gesunde Demokratie“.

 

Wie fielen die öffentlichen Reaktionen auf den Film bei den europaweiten Screenings aus?

Ich war bisher dreimal in Amsterdam, dreimal in Hamburg, Bremen, Wien, London und jetzt Bochum, um nur einige zu nennen. Die Reaktionen sind nicht identisch, aber was der Film gezeigt hat, ist, dass es eine gewisse Übertragbarkeit gibt. Im Sinne von „Sieh Amsterdam und denk an deine eigene Stadt!“ Die Muster ähneln sich.

Bei der Vorführung in Hamburg war es so, dass das auch so nachvollzogen wurde: „Bei uns ist das ganz ähnlich“. Besonders interessant war es immer, wenn es um Anti-Squat als Markt-Antwort auf das Leerstands-Argument ging. Das ist das Neue an dem Film. In Bremen gibt es die Zwischennutzungszentrale. Da sind die Konflikte nicht so ausgeprägt.

 

Du hast in Dortmund mit der Initiative für ein unabhängiges Zentrum (UZDO) eigene Erfahrungen gesammelt. Wie sind die Verhältnisse im Ruhrgebiet?

Ich bin nach wie vor enttäuscht, was die Resonanz anging und dass die UZDO-Besetzung sofort geräumt worden ist. Ich habe ja zu jener Zeit bereits an dem Film gearbeitet. Nicht ohne Ironie habe ich daher immer gesagt: Wir machen hier etwas, wofür andere bezahlt werden. Die Stadt ohne Geld ist in diesem Sinne mehr als eine Inszenierung, sie ist Realität und Utopie zugleich. In Essen sowie in Dortmund herrscht jedoch ein sehr starres Eigentumsdenken vor. Das mag systemgetreu sein, aber ist nicht zwingend zeitgemäß.

Der Kapitalismus hat sich in den letzten 20 Jahren sehr flexibel gezeigt, auf neue soziale Bewegungen zu reagieren. Das ist im Ruhrpott nicht wirklich angekommen. Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann sagte in dem Kontext sinngemäß: Der Eigentümer der Kronenbrauerei hat das Gebäude mit fünf Millionen Euro in seinen Büchern stehen und da hängen Arbeitsplätze dran. Diese Jobs müssen wir als Sozialdemokraten schützen. Der Leerstand wird also eher verwaltet, als neue Nutzungen zu finden. Das Gebäude steht noch immer leer.

 

Ist das Konzept von Floridas kreativer Klasse für das Ruhrgebiet zum Scheitern verurteilt?

Das kommt auf die Perspektive an. Im Ruhrpott gibt es jedoch viele Menschen, viele Ideen und viel Raum. Raum für eine Neunte Stadt. Im Prinzip ist der Ruhrpott ein schlafender Riese und es muss gelingen, das Leerstands-Argument politisch in Angriff zu nehmen. Wenn der kreative Diskurs im Ruhrgebiet politisch gewollt ist, dann muss man Kreativität beweisen und unplanbare Eigeninitiativen von Menschen einplanen. Das heißt auch Kreativität ohne Wirtschaft zu denken. Die Frage ist doch, wenn irgendwo mal ungefragt ein Fuß in ein leeres Haus gesetzt wird, geht es da um Ideologie und Kriminalität, oder um die Nutzung von Leerstand? Das muss man mit Blick auf die niederländische Erfahrung nicht so verbissen sehen. Der Raum ist da und er ist nutzbar.

 

Teaserfoto: Michael Blatt

Sa, 03.12.2011 0

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05.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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