Kirche Kunterbunt: Kunst-Initiative Freiraum2010 im Interview (Teil 1)

Es ist ein surrreal erscheinendes Wandeln zwischen den Welten. Drei Tage vor meinem Treffen mit der Initiative Freiraum2010, die in der entweihten Essener Lukaskirche eine temporäre Bleibe zum Arbeiten und Ausstellen gefunden hat, stieß in Mülheim das regionale Establishment aus Kultur, Wirtschaft und Politik auf ein Jahr RuhrKunstMuseen an und debattierte darüber, wie mit Millionen-Beträgen die hiesige Bevölkerung und Touristenströme in die Bildersammlungen der Region zu leiten sind.

Eine neue Broschüre informiert seitdem u.a. über die Entfernungen zwischen den kooperierenden Museen. Was in dem kleinen Heft nicht drinsteht: Vom Kunstmuseum in Mülheim bis zur Lukaskirche in Essen-Holsterhausen wären es mit dem Auto gerade einmal neun Kilometer in 14 Minuten Fahrtzeit. Hinsichtlich ihrer sozialen Stellung in der Gesellschaft trennen die beiden Kunst-Orte und ihre Protagonisten allerdings Lichtjahre voneinander.

Im folgenden Interview gibt das Freiraum-Plenum (Namen z.T. aus redaktionellen Gründen geändert) einen Einblick in sein Handeln und den Kampf gegen regionale Windmühlen. Um es vorweg zu nehmen, als dass es nicht ohnehin schon bekannt wäre: Wer statt Weißwein und einem warmen Buffet für seine Lobbyisten nur mit Warmen Tee und Herzblut dienen kann, der hat es im klientelorientierten Politikbetrieb des Ruhrgebiet mehr als schwer, sich überhaupt Gehör, geschweige denn Zuspruch, zu verschaffen.

Wie viele Personen gehören derzeit der Gruppe an?

Anna: Wir sind so 15-20 Leute, die jetzt fest dabei sind und es gibt noch mal ca. zehn, die Interesse gezeigt haben, die zum Teil durch unser Dasein hier in der Kirche auf uns aufmerksam geworden sind.

Joscha: Die Leute von Port e.V. und der Beatplantation hängen da auch noch irgendwie dran, aber hier in der Kirche haben wir jetzt erstmal einen Aufnahmestopp. Der Raum ist voll. Die Atelierfläche ist für jeden auf zehn bis zwölf qm begrenzt. Mehr kann die Kirche nicht tragen. Wir haben auch nicht die Möglichkeit, einen Tanzraum oder Musikproberäume einzurichten. 

Muss aus Sicht der Gruppe ein gewisses künstlerisches Level vorhanden sein, oder kann hier jeder machen, was er will?

Bastian: Ich denke, dass hat auch etwas mit dem Anspruch der Leute an sich selbst zu tun. Wenn jemand etwas macht, von dem er glaubt, dass es ernstzunehmende Kunst ist, dann ist das erstmal okay. Ich würde das nicht von technischen Kriterien abhängig machen.

Joscha: Es muss ausgewogen sein und ein Dialog stattfinden. Der Rest ergibt sich dann aus der Diskussion.

Anna: Wir sind hier als bestehende Gruppierungen, die freundschaftlich miteinander verbunden sind, reingekommen. Interessant wird es, wenn diese verschiedenen Gruppierungen, die sich zwar untereinander kennen, aber nicht direkt zusammen gearbeitet haben, anfangen über ihre Sachen zu reden. Hier muss sich noch niemand einem Manifest verpflichten.

Joscha: Für uns ist es eine graswurzelorientierte Angelegenheit. Es gibt keine Struktur der nachwachsenden Kunstgruppen. Die sind alle versprengt. Bevor nicht ein Kommunikationsraum da ist, ist es total schwierig, gemeinsame Stoßrichtungen einzuschlagen.

Wir arbeiten alle mit einem Anspruch an unsere eigene Ästhetik. Dadurch haben wir eine Meinung zur Welt und darüber kann man diskutieren. Das ist die Idee und funktioniert auch in der Praxis sehr gut.

Ich bin froh, Leute hier zu haben zu haben, die schon seit zehn, fünfzehn Jahren. Dadurch hat man einen Austausch, zwischen denen, die ganz neu anfangen und denen, die es schon lange machen. Wobei es eben nicht heißt, dass Leute, die lange malen, besser malen.

Anna: Ich hab jetzt keinen gesehen, der hier reingekommen ist, den wir an die Hand nehmen mussten.

Joscha: Aber das würden wir auch machen.

Maria: Wir sind schon sehr offen. Es ist ein schöner Ort, um sich auszutauschen. Das macht es einladend. Man kann hier auch einfach Tee trinken und jedem Interessierten, der hier vor der Tür steht, wird alles gezeigt.

Wie ist es zu der Zwischennutzung in der Lukaskirche gekommen?

Joscha: Der Eigentümer, die VEWO GmbH aus Gelsenkirchen vertreten durch Frau Ute Trapp, die hier schon Projekte der Kunst Peripherie Ruhrstadt durchgeführt hatte, hat sich nach der Berichterstattung über die Pressekonferenz im letzten Herbst bei uns gemeldet: „Ihr scheint vertrauenswürdig. Wir hätten da etwas im Angebot.“ Zwei Wochen später hatten wir den Mietvertrag, der besagt, dass wir die Neben-, die anfallenden und die Vorauskosten zahlen und das Gebäude bis zum Umbaubeginn von uns mietfrei nutzbar ist.

Wie lange könnt ihr euch hier künstlerisch betätigen?

Joscha: Sicher bis Mitte März, darauf stellen wir uns ein und steuern auf die Ausgangssituation vom Sommer 2010 zurück. Ohne Raum! Die Ansprechpartner von allen Seiten sind der Meinung, dass da eigentlich nichts zu machen ist und wenn, dann nur durch völlig übertriebenen Alarmismus. Es gibt keine Strategie und keine Aussage von öffentlicher Seite, sei es von der Stadt, oder von sonst wem, der sagen würde, dass da eine Lösung in Sicht sei. Einzig Kulturdezernent Andreas Bomheuer hat gesagt: „Wir können nicht jeder Generation ein neues Kunsthaus bauen.“

Die Zwischennutzung ist auch nicht gut, denn wir wollen auch nicht immer nomadieren. Es ist kein Wunschzustand, alle zwei Monate umzuziehen.

Ab wann sind eure Arbeiten öffentlich zugänglich?

Joscha: Im besten Fall Mitte Februar, spätestens Anfang März machen wir hier sozusagen auf. Dann werden wir eine Ausstellung mit regelmäßigen Öffnungszeiten öffentlich begehbar machen. Dazu kommen kleine Veranstaltungen, ein bisschen Musik oder mal eine Lesung. Wegen der Lautstärke eignet es sich jetzt nicht für eine Top-Party.

Habt ihr konkrete Ideen für die Programmplanung?

Joscha: Ein Aspekt ist auf jeden Fall die Diskussion über unseren politisch-kulturellen Anspruch hierbei. Über Freiräume, Zwischennutzung und Leerstände zu reden.

Bastian: Das Programm ergibt sich auch aus unserer personellen Situation, dass die Leute, die jetzt hier sind und keine Bildende Kunst machen, ihre Kunst auch in irgendeiner Form aufführen werden.

(Weiter zu Teil 2)

Fotos: Michael Blatt

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Mo, 24.01.2011 3

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Kommentare

(Er-)Öffnung und (Be-)Schließung

Vom 5.-26. März wird die Freiraum-Kunst in einer öffentlichen Ausstellung in den derzeitigen Räumen zu sehen sein. Donnerstags von 18-22h und Samstags zur gleichen Zeit inkl. Text- und Musikprogramm.

sehr cool, muss ich

sehr cool, muss ich sagen....
:)
Nein, also der Beitrag ist gut gelungen.
Das die Kirche nur bis märz nutzbar ist, ist ein großes Problem....da würde ich gerne nochmal AGGRESSIV drauf hinweisen !!!
WOHIN ???

hier sollten sich schon mehr leute für interessieren und ein kommentar raus hauen.

mfg

Sehr Cool, muss ich sagen

Sehr Cool, muss ich sagen

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05.01.2010

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