
Istanbul - Umgang mit Geschichte
- Serie: Bildung
Ein Ziel Istanbuls, das bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt genannt wurde, war eine Neubewertung des öffentlichen Raums. In der multikulturellen Stadt ist es auch notwendig, das Stadtwachstum planerisch zu unterstützen.
Allerdings bestehen eigene Vorstellungen zur Erreichung dieses Ziels. Öffentlicher Raum - und damit Teile der Geschichte Istanbuls - scheint gleichgesetzt zu sein mit einer grundlegenden Wertsteigerung von Boden und Gebäuden. Zur Zeit werden Schneisen durch die Stadt geschlagen, die kulturelle Traditionen zerstören, nicht schützen.
Sulukule - die ältesten Roma-Viertel
Schon 2008 wurden unter öffentlichen Protesten Teile der Sulukule abgerissen und die Anwohner aus den Orten verdrängt. Sulukule bezeichnet mehrere Stadtteile Istanbuls - sie gelten als das älteste Roma-Viertel der Welt. Viele der Orte sind älter als 1.000 Jahre. Die Musik der Roma ist weltweit anerkanntes Kulturgut, ansonsten wird diese Gruppe auch in Istanbul ausgegrenzt.
Heute leben etwa 3.500 Roma in den herunter gekommenen Vierteln. Zwar erhalten sie finanzielle Entschädigungen für den Abriss ihrer Häuser, aber sie können sich den Erwerb der neu errichteten Bauten nicht leisten. Sie müssen aus ihren angestammten Quartieren fortziehen.
Konkurrierede Interessen
In der Neuplanung der Sulukule - auch als öffentlicher Raum - spielt die 1.000-jährige Vergangenheit keine Rolle, obwohl er Geschichte und Tradition widerspiegelt. Auch die symbolische Bedeutung als kultureller Raum geht verloren.
An diesen Orten wollen sich zwei andere Gruppen repräsentieren, die ihre eigenen Ziele durchsetzen. Istanbuls bürgerliche Tradition entstand erst mit der Republikgründung und ist noch sehr jung. Die Migranten der ersten Stunde konnten sich zum großen Teil gut etablieren und gehören zu den wichtigen Investoren in Istanbul.
Sie verfügen jedoch noch über keine gewachsenen Traditionen und richten sich in der Schaffung ihrer Zeichen an modernen Trends. So wird in großräumige Landkäufe investiert, um etwa Shopping-Malls zu errichten. Gibt es einen neuen Trend, der wiederum Rendite verspricht, so wird diesem gefolgt.
Ältere gesellschaftliche Gruppen der Stadt haben sich schon früh in den Norden zurückgezogen und schotten sich ab. Auch deren Ideale befinden sich im westlichen Europa, die abgrenzend übernommen werden.
Seit den 80er Jahren erst weicht die Trennung der jeweiligen Repräsentation im Stadtbild Istanbuls etwas auf. Aber diese Gruppen konkurrieren nach wie vor um Flächen - denen gewachsene Orts- und Stadtteile zum Opfer fallen. Kultur und Geschichte der Stadt Istanbul wird zerrieben.
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