Das Graspop Metal Meeting in Belgien – Internationales Line-Up trifft vorbildliche Organisation

Seit 15 Jahren feiern unsere belgischen Nachbarn mit dem Graspop Metal Meeting ein Festival, das auch für Fans aus dem Ruhrgebiet zu einer festen Größe geworden ist. Nicht nur wegen des exklusiven Line-Ups, sondern auch wegen der nahezu perfekten Organisation. Ein Nachbericht.

Munte te koop

Es ist wie immer auf diesen Benelux-Festivals: Man kommt von der Autobahn, fährt noch ein paar Kilometer über Land, und plötzlich steht mitten im Wald auf einer Wiese eine riesige Bühne, vor der sich Zigtausende Fans jedes Alters friedlich versammelt haben und gemütlich Bier trinken. Dazu gibt es Musik, die sich je nach Geschmack und Couleur unterscheidet. Von heftig bis moderat ist hier im Sommer alles dabei.

Die Mutter der belgischen Festivals ist natürlich das ehrenwerte Werchter Open Air (seit 1974) zwischen Brüssel und Leuven, traditionell am ersten Juli-Wochenende stattfindend, mit regelmäßig über 60.000 Zuschauern. Aber es gibt Konkurrenz: 1996 etablierte sich das „Graspop Metal Meeting“ in dem kleinen Dorf Dessel in der Provinz Antwerpen. Mit 15.000 Fans gestartet, kommen mittlerweile ebenfalls über 50.000 Fans. So auch am letzten Wochenende: Schon etliche Dörfer vorher weisen Schilder den Weg, das Parken ist unkompliziert und umsonst, die Ordner sind freundlich.

Auf dem weitläufigen Gelände erst mal Münzen kaufen. Das Prinzip ist einfach: Die Wertmarken erleichtern den Kauf von Getränken und Nahrung immens. Kein nerviges Nachzählen des Wechselgeldes, keine Schlangen vor den Buden. Komischerweise erlebt man so etwas in Deutschland sehr selten. Woran genau das liegt, lässt sich auch nach über zwei Jahrzehnten Festivalerfahrung immer noch nicht begründen. Vielleicht doch am Ende eine Mentalitätsfrage?

Als Manni aus Wanne beim Einlass durch den eigentlich nur für Frauen bestimmten Eingang wankt, gibt es kein Gezeter, sondern nur ein müdes Grinsen des Mannes von der Security. Manni ist sein Fehlverhalten auch peinlich, er entschuldigt sich nett, man geht grinsend auseinander. Warum er denn extra nach Belgien fahre? „Die Leute hier sind entspannter, die Bands besser, und außerdem bin ich gerne unterwegs“, schmunzelt er und strebt auf die Münzverkaufsstelle zu, um dort mit der netten jungen Dame heftigst zu flirten.

Big in Belgium

Es gibt eine Szene aus dem Kultfilm „Singles“ (1992), in dem der Sänger einer Grunge-Band (gespielt von Matt Dillon) den Satz von sich gibt: „But we are big in Belgium!“ Man sei in Belgien eine große Nummer. In Musiker/Kritikerkreisen mittlerweile eine wohl gelittene Phrase, deren wahrer Kern aber an diesem Wochenende zutage kommt: Auch wenn Belgien ein kleines Land ist, die Fans dort sind enthusiastisch und dankbar für jede Würdigung.

Fast jeder Sänger der zahlreichen Bands des ersten Tages bedankt sich artig. Selbst Billy Talent, die mit ihrem sing- und tanzbaren Alternative Rock nicht ganz den Geschmack des Publikums treffen, bedanken sich artig fürs Ignoriertwerden. Den meisten Applaus ernten die Kanadier, als sie die nachfolgende Band auf der großen Bühne ankündigen: Bei Slayer füllt sich zum ersten Mal der Platz. Weil es noch drei andere Bühnen in Zelten gibt (Marquee 1 und 2 sowie den Metal Dome), ein Gradmesser. Eine Abstimmung mit den Füßen und am Bierbecher. Slayer begeistern mit einer Stunde Thrash Metal, routiniert beweisen die Kalifornier, dass sie auch nach über 20 Jahren im Geschäft noch ernst zu nehmen sind. Für Außenstehende mag jeder Song gleich klingen, aber die Fans lieben es.

Wichtig: Keine Aggression, obwohl die Kombination Sonne-Bier-Metal dazu einlädt. Udo Dirkschneider, früher Sänger bei Accept, firmiert unter U.D.O., aber was zählt, sind die alten Accept-Songs. Vor allem „Princess Of The Dawn“ und „Ball To The Wall“ werden lauthals mitgesungen, sogar von den jüngeren Jahrgängen. Stone Temple Pilots erscheinen eine Viertelstunde zu spät, holen aber nur zehn Minuten davon nach. Die Menge vor der Bühne ist überschaubar, die Grunger haben zwar eingefleischte Fans, aber die sind deutlich in der Minderheit. Sänger Scott Weiland singt gut, sollte aber seine kruden Ansagen sein lassen: „Wo pennt ihr denn gleich? In Zelten? Gibt es da überhaupt Toiletten?“ Rührend seine Hommage an den verstorbenen Slipknot-Bassisten Paul Gray, „mein Zimmerkollege in der Reha.“

Walk This Way!

Im Zelt überrascht Doro Pesch ebenfalls mit einem Tribut: Sie widmet dem kürzlich verstorbenen Ronnie James Dio den Dio-Song „Egypt (The Chains Are On)“. Das Publikum frisst der blonden Düsseldorferin aus der Hand, obwohl man ihre klischeehaften Ansagen nicht ganz ernst nehmen kann („Are you ready to rock?“). Ähnlich wie bei den Scorpions hat man das Gefühl, dass hier keine Weiterentwicklung stattgefunden hat. Die Frage nach den euphorischen Reaktionen der Fans ist allerdings, ob das wirklich gewünscht wird? Heavy Metal an sich ist ein durch-ritualisiertes Musikgenre, in dem Veränderungen nicht goutiert werden. Man weiß, was man bekommt, und man will es genauso.

Bestes Beispiel: Motörhead. Auch wenn die Setlist ein wenig von Jahr zu Jahr variiert, es sind die Klassiker wie „Metropolis“ oder eben „Ace Of Spades“, die die Leute hören wollen. Lemmy wird in diesem Jahr 65, aber von Berufsmüdigkeit ist noch nichts zu spüren. Die Warzen sitzen immer noch an derselben Stelle, auch hier ist das Klischee König: „We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!“ Oder auch: „Wollt ihr es lauter? Dann die Hände hoch!“.

Saxon aus England haben sich mehrere Bonbons einfallen lassen: Das Intro ist Metallicas „Seek And Destroy“, ein Gastgitarrist namens Claudio wurde extra aus Brasilien eingeflogen, um bei zwei Nummern mitzuspielen. Der glückliche Gewinner eines Internet-Wettbewerbes hatte sich aus allen Konzerten von Saxon den Graspop-Gig ausgesucht. Saxon gehören zu den Begründern der New Wave Of British Heavy Metal, dementsprechend groß ist das Repertoire und das Selbstbewusstsein, mit dem Sänger Biff Byford die Menge dirigiert. Nicht nur „Princess Of The Night“, ihr größter Hit, wird enthusiastisch aufgenommen. Dem brasilianischen Pärchen hinter mir ist das egal, sie knutschen ausdauernd, obwohl um sie herum Haupthaar-Matten geschwungen und Luftgitarren gespielt werden.

Ein würdiger Headliner sind dann gegen 23.20 Uhr Aerosmith. Obwohl angeblich zerstritten, haben sich Sänger Steven Tyler und Gitarrist Joe Perry wieder zusammengerauft. Besonders Tyler merkt man an, dass er in dieser Band zuhause ist: Selbst die höchsten Töne trifft er noch, gibt zwischendurch Balladen wie „Crazy“ acapella zum Besten. Eine Bühnenpräsenz, wie man sie heutzutage kaum noch sieht. Zwar liegt der Fokus mehr auf den neueren Songs („Cryin‘“, „Love In An Elevator, „I Don’t Want To Miss A Thing“), aber genau das kommt bei den Jüngeren gut an. Aerosmith sind zwar nicht Metal, aber eine der Gründe, warum sich Rockmusik in den Achtzigern neu erfinden konnte: Ohne „Walk This Way“ würde heute niemand von den Beastie Boys, Kid Rock, Limp Bizkit oder Rage Against The Machine reden. Manni aus Wanne, inzwischen reichlich betrunken, ist das egal: „Ich bin froh, dass ich die noch mal sehen konnte. Die spielen ja gar nicht bei uns.“ Er kommt übrigens nächstes Jahr wieder. Egal, wer spielt.“

Fotos: privat/Graspop-Archiv

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Di, 29.06.2010 1

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Kommentare

ähm..hüstel... über n

ähm..hüstel...
über n 3-Tage-Festival berichten heisst auch alle 3 Tage betexten...
hier ist schon Freitags um 1 Uhr Schluss...sollte evt. nein unbedingt erwähnt werden...

und das Foto dürfte gefühlte 6-8 Jahre alt sein...das ist vom Wald etc. her noch vom alten Gelände..

tststss...journalismus geht anners

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17.02.2010

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