
Filmen in kompletter Unabhängigkeit
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Ein Interview mit Juli Szabó and Tamás Lehoczky, aufgezeichnet von Oliver Baumgarten.
Unter dem Label „Freakcinema“ habt Ihr eine Reihe von weiteren CATMAN-Abenteuern gedreht. Was hat den Catman sonst noch so erlebt?
Tamás Lehoczky: Grundsätzlich geht es in allen CATMAN-Folgen um das Filmemachen. Ich liebe das Drehen, ich liebe nahezu alle Filmgenres, und ich liebe Katzen. Die erste Folge hieß noch nicht CATMAN. Erst, nachdem sie ein Freund gesehen hat und meinte, ich sei der Catman, bekam die Saga damals ihren Namen…
Juli Szabó: Jeder CATMAN-Kurzfilm ist anders. Sie haben unterschiedliche Geschichten und Formate, selbst die Funktionen von uns beiden waren nie die selben. Einige hat Tamás gedreht, einige haben wir zusammen gemacht, eine stammt von mir. Der erste Film war eine Art Selbstporträt von Tamás, doch die Serie entwickelte sich. Die Gemeinsamkeit aller Filme besteht darin, dass es Experimente über das Filmemachen sind – besetzt mit Katzen.
CATMAN 0… basiert auf einer lustigen Idee: dass nämlich kinematographischer Formalismus den Traum einer Katze beeinflussen könnte. Wie kam es zu dieser Idee?
Tamás Lehoczky: Nach Beendigung der dritten CATMAN-Episode kam mir plötzlich der Einfall, dass es eine schöne Herausforderung wäre, die Treppensequenz aus PANZERKREUZER POTEMKIN als CATMAN-Film nachzudrehen. Mich begeistert Montage, und Eisenstein gehört zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren. Bald aber musste ich mir eingestehen, dass es nahezu unmöglich ist, Spielfilmszenen mit Katzen zu realisieren, so dass ich mich auf die ursprüngliche CATMAN-Drehmethode besann und einfach nur das Sozialleben meiner Katze drehte und das Material nachher zusammen montierte. Richtig lustig wurde es erst, als mein HDD abstürzte und wir komplett von vorne anfangen mussten – nun aber mit Julis Methode. Sie hat den kompletten Film als Storyboard angelegt, Bild für Bild, wie ein wahrer Visionär.
Juli Szabó: Um Eisensteins berühmte Szene sinnvoll mit Katzen nachzustellen, überlegten wir uns einen Rahmen, in die man sie einbetten könnte. Und beim Sichten des Materials fanden wir eine Einstellung von Kolbász [die Katze], wie sie auf der Couch direkt neben der Fernbedienung einschläft. Dazu drehten wir dann weitere Bilder von Kolbász beim Fernsehen und Aufwachen – diese Einstellungen plus jene mit dem Katzenkorb sind die einzig gestellten im Film.
Glaubt Ihr, dass in unserer so von Bildern dominierten Gesellschaft die Träume der Menschen wie Filme funktionieren? Kommen Euch Eure Träume „geschnitten“ vor?
Tamás Lehoczky: Ich wollte immer so gerne viel träumen, aber für eine lange Zeit gelang es mir nicht mehr, sie in mein Bewusstsein zu rufen. Vor einem Jahr begann ich wieder, zu meditieren, das hat sehr geholfen. Ich würde nicht sagen, dass meine Träume in erster Linie „geschnitten“ sind, ich bin eher der „Framing-Typ“, meine Träume sind alle sauber aufgelöst. Ich komponiere sogar Panorama-Einstellungen, in denen ich selbst enthalten bin.
Juli Szabó: Ich denke, dass wie alles andere, das uns umgibt, auch unsere Umwelt unsere Träume beeinflusst und vice versa Gehirnfunktionen die bildende Kunst. Meine Träume allerdings sind eher storylastig, für gewöhnlich mit irrem Plot und wirrer Logik, aber mit richtigem Anfang und Ende. Sie sind nicht wie ein konventioneller Film gebaut, aber wirken, als seien sie mit Steadycam gedreht, ohne Schnitte und ohne plötzliche Perspektivwechsel.
Habt Ihr für den Film Eisensteins „Montage der Attraktion“ genauer studiert?
Tamás Lehoczky: Ich habe mir die Treppensequenz mehrfach angesehen und versucht exakt einzuprägen. Tempo spielt eine Schlüsselrolle in dem Film, die abnehmende Länge der Einstellungen, um die Szene zu dramatisieren, gehört zu den Charakteristika der russischen Montagetechnik.
Juli Szabó: Dank unserer Dozentin an der Kunsthochschule, Klára Kis, wurde ich ein Fan der russischen Montagerschule. Mit CATMAN 0… haben wir nicht nur Eisensteins Montagetechnik heraufbeschworen, sondern auch Kuleshovs berühmtes Montageexperiment – als wir in den Vorführungen auf die Reaktionen des Publikum achteten, haben wir gesehen, dass es immer noch funktioniert. Zwei von einander unabhängige Bilder, sei es auch mit Katzen, bekommen dank unserer Phantasie und unserer kulturellen Sozialisation eine neue Bedeutung, wenn sie mit einander in Verbindung gebracht werden.
Welche Bedeutung hat Euch die Montage ganz generell?
Tamás Lehoczky: Mit Schnitt kannst du entweder zaubern oder alles kaputt machen. Meine Dozentin Klára Kis hat mir eine Menge über Montage beigebracht. Sie hat Filme immer über ihren Schnitt kommentiert. Als ich meinen Abschlussfilm schnitt, saß sie tagelang an meiner Seite und half mir sehr.
Juli Szabó: Schneiden ist harte Arbeit und gleichsam ein großer Spaß. Sehr oft haben wir die Magie des Schnitts erfahren dürfen. Wenn du Bilder und Musik koppelst, erhält der Film eine zusätzliche Ebene, die dir vorher niemals in den Sinn gekommen wäre. Mir gefällt es auch, Einstellungen, die dir nicht gefallen, einfach wegzuschmeißen, ohne jegliches Bedauern. Einfach löschen und das Wenige, das du gebrauchen kannst, übriglassen.
Ihr beide produziert Eure Filme in kompletter Unabhängigkeit. Würdet Ihr Euch als typische Vertreter der ungarischen Kurzfilmszene betrachten?
Tamás Lehoczky: Für mich steht unser Label „Freakcinema“ für die eigenwilligen Filme, die wir zusammen machen. Ich habe niemals versucht, mit meiner Arbeit in irgendein Raster zu passen, und ich kenne niemanden auf der Welt, der so arbeitet wie wir. Das ist keine bewusste Entscheidung, es ist einfach die Art, wie wir übers Filmemachen denken. Insofern denke ich nicht, dass ich ein typischer Vertreter der ungarischen Kurzfilmszene bin, überhaupt nicht. Als im vergangenen Jahr CATMAN 0… im Wettbewerb der 40. Ungarischen Filmwoche lief, sagte mir ein junger Regisseur, das sei kein ordentlicher Film für das Festival. Nach einer längeren Diskussion war aus ihm nur herauszubekommen, dass ein „ordentlicher Film für die Ungarische Filmwoche über menschliches Leben“ erzählen müsse. Ich habe etwa 30 Kurzfilme als Kameramann, Regisseur oder Editor in den letzten 10-12 Jahren gemacht. Die meisten waren No Budget oder vom Regisseur finanziert. Ich habe Kollegen, die haben 10-12 Millionen Forint (40-45.000 Euro) für ein Projekt zur Verfügung. Für mich ist ein guter Kurzfilm wie eine Kurzgeschichte, sei er nun narrativ oder experimentell aufgebaut. Eine gute Idee genügt. Geld allein kann Qualität nicht produzieren, und meistens funktionieren die Big-Budget-Kurzfilme für mich überhaupt nicht. Juli hat mal einen Filmemacher aus Barcelona kennen gelernt, der ihr erzählte, an seiner Filmschule habe er jedes Semester ein anderes Gewerk lernen müssen, Licht, Schnitt, Kamera etc. Wenn du dir einen spanischen Film anschaust, merkst du dieses Prinzip sehr eindrücklich, sie sind sehr gut gemacht. Filmemachen ist eine Sprache, die sehr einfach zu erlernen ist. Aber ab diesem Moment beginnt der Spaß überhaupt erst…
Juli Szabó: Ich weiß sehr wenig über die ungarische Kurzfilmszene. Aber bezüglich des Wenigen, das ich weiß, ist Freakcinema alles andere als typisch. Jeder von uns hat einen anderen Zugang zum Filmemachen. Tamás ist viel spontaner, instinktiver und experimentierfreudiger, während ich eher der theoretische, durchplanende Typ bin. Beide aber arbeiten wir unabhängig und freidenkend – all das summiert sich zum Konzept von Freakcinema. Wir arbeiten hart, um unsere Filme in kompletter Unabhängigkeit machen zu können, weil dies der Weg ist, uns ausdrücken und gleichsam viel Spaß am Filmemachen haben zu können – beides sollte in meinen Augen ultimativer Zweck des Filmemachens sein.
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