
Die Literatur und Sprache des Dirk Bernemann. Ficken? - Au ja!
Man darf Dirk Bernemann eingemeinden. Seine Heimatsstadt Coesfeld liegt zwar nicht unmittelbar im Ruhrgebiet, aber schon ziemlich in der Nähe (selbst sagt er, dass er zwischen dem Ruhrgebiet und Holland aufgewachsen ist, was in der Sprache eines Literaten so viel heißt wie: Coesfeld ist eigentlich ziemlich uncool, ich fühle mich deshalb einem weitläufigen Kulturkreis mit starker Wirkungskraft zugehörig). Auch sein eigener Wirkungskreis reicht deutlich bis ins Ruhrgebiet. Seit einiger Zeit veranstaltet Autor Bernemann die Literaturtalkshow „LitCarl“ auf der Zeche Carl im Essener Norden - ein Stockwerk über dem Proberaum der Metalband „Kreator“ (dessen Sänger Mille Petrozza Bernemanns Bücher verschlingt) - in der es stets um Ruhrgebietsbezüge geht.
Büchertisch sei Dank
Verorten wir den Schriftsteller also im Pott, wie wir einen Bernauer (bei Berlin) als Berliner, einen Buchholzer (in der Nordheide) in Hamburg verorten würden. Außerdem verdient jeder eine gewisse Aufmerksamkeit hier, der sich um die darbende Literaturszene bemüht. Erst recht, wenn er Bestsellerautor ist - wie Bernemann: „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ heißt sein bekanntestes Buch, das er zigtausend Mal verkauft hat, weil sein Verlag (Heyne) zu denjenigen gehört, die hemmungslos Büchertische in Bahnhofsbuchhandlungen zupflastern.
Literatur für die restringierte Generation
Autor Bernemann bündelt stets Fragmente, Gedanken, lyrische Einschübe über Alltägliches wie Onanie, den Rausch des „postpseudogefickten Zustandes“, das Liebesleben hässlicher Literaturstudentinnen, und die Entdeckung einer neuen Sprache namens „Bierila“ (die aus dem Besoffenheitsgipfel entspringt, in dem der übermäßige Konsum von Bier und Tequila mündet) in kompakten Erzählbänden. Darin durchsetzt er all dieses politisch unkorrekte Zeug hemmungslos mit Kraftausdrücken, Fäkal- und Pornosprache. Das kommt gut an bei einer Generation, die zwischen Carport, Universität und Assessment-Center mit überflüssigem Genderstreaming, angeblich gesunder Biokost, Supervision und Mediation in ein Korsett gepresst wird, das kein Platz mehr lässt für natürliche menschliche Züge. Abkotzen, furzen, abspritzen, in die Fresse hauen. Darum geht’s bei Bernemann. Gewissermaßen ist er der Gegenentwurf zu Thomas Mann, der es schafft, auf 984 Seiten ohne Schimpfwort oder artverwandten Begriffen auszukommen. Bei Bernemann geht es damit schon auf der ersten Seite los, zum Beispiel sich „gegenseitig zu beschlafen“.
Günstig für den Lernbunker
Genaugenommen ist das der richtige Stoff für junge Ruhrgebietsmenschen, die sich in den Betonburgen des niederen sozialdemokratischen Bildungsadels quälen: Dort passen die günstigen Taschenbücher von Bernemann wunderbar unter die neonlichtbeschienenen Holzklapptische der Hörsäle (ich meine die fensterlose Sorte, in den wenigen anderen findet man durch den Blick nach draußen eine gewisse Ablenkung über den Blick auf das wahre Leben), und wenn sie in Umhängetaschen oder Rucksäcken verknicken, vom Deoroller penetriert oder in Yogitee getränkt werden, macht das auch nichts. Denn es sind Gebrauchsbücher in Gebrauchssprache.
Die letzte Bastion der politischen Inkorrektheit
Auch die Sprache ist ein Grund, warum Bernemann ins Ruhrgebiet gehört, über das man irgendwann einmal - zeitlich ganz weit weg - herrlich verklärend vom letzten Rückzugsort vor der politischen Korrektheit sprechen wird, die das Land (außerhalb dieser authentischen Region) allmählich zu Grunde gerichtet hat: Denn die direkte rücksichtslose Sprache, damit das entsprechende Umgangsklima der Menschen mit sich selbst, ist vielleicht das wertvollste Erbe der letzten Malochergeneration, die es den jetzt Kulturprägenden (also den Bernemännern) überlassen hat. Bei dieser Gelegenheit wird man zukünftig von Bernemann vielleicht als einen der „Vordenker“ sprechen, die den Kampf gegen den Virus der politischen Korrektheit aufgenommen haben. Da bietet es sich doch jetzt schon an, ihn vorsorglich einzugemeinden. Damit die reaktionären Münsterländer ihn später nicht mehr für sich in Anspruch nehmen können.
Dirk Bernemann liest übrigens in der Bar des FZW in Dortmund, in der „Lauscher-Lounge“, am Mittwoch, den 9.6. ab 20 Uhr.
Foto
Interne Links:
- Aus Oliver Uschmanns Leben - Teil 1 - Der neue Roman "Feindesland" ist erschienen!
- Rock Hard - Holger Stratmann und Götz Kühnemund Kreative Köpfe der Woche
- Liebe Liebe Liebe 3: Hagen Rether schlägt wieder zu
- Zusammen ruhrt es sich schöner - Holger Steffens und Taxi Tom in der Kombi-Lesung
- Autoren im Ruhrgebiet: Schreib-Waisen eines Porno-Proll-Potts im Übergang?...
Externe Links:
- http://literaturzeitschrift.blog.de/2008/04/03/dirk-bernemann-satt-sauber-sicher-3993063/
- http://mushiflo.de/?p=45
- http://www.planetbook.de/2009/02/neues-von-dirk-bernemann/
- http://queesch.lu/lang/fr/2009/09/20/lesung-dirk-bernemann/
- http://www.blogs.uni-osnabrueck.de/tstegema/archives/55
- http://www.langeleine.de/?p=6302
- http://raumhuhn.wordpress.com/2009/02/22/warum-germanys-next-topmodel-schauen/
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Beitrag Sundermeyer zu Bernemann
Der Autor dieses Beitrags sollte sich mal an korrekter Grammatik und Rechtschreibung reiben, statt auf dieser Website abgestandenen Sprachmüll und Sexismus als Innovation und Provokation zu verkaufen. Gähn ...
Ellen Widmaier
Schriftstellerin
Wie, wer oder was?
Mal ganz davon abgesehen, dass es doch ziemlich egal ist, ob der Bernemann in Coesfeld, Coburg oder Bottrop-Boy zu Hause ist... Wenn er darüber schreibt, was eine nicht gerade kleine studentische Partyklientel nun einmal allwöchenendlich (dieses Wort habe ich gerade erfunden!) auf ihren Streifzügen durch die Republik so erlebt, dann wird der Herr damit sicherlich auch einen gewissen akademischen Leserkreis erreichen. Wobei ich als Abstinenzler mal vermute, dass ein verkaterter Schädel am Sonntagnachmittag wohl lieber zum Hörbuch neigt.
Ficken, abspritzen, kotzen?
Ficken, abspritzen, kotzen? Ich mein, diese Kraftbegriffe locken doch niemanden hinterm Ofen hervor. Oder in die Buchhandlung hinein. Dat schockt doch spätestens nach Charlotte Roche echt niemanden mehr. Aber wenn das Buch doch noch mehr bieten sollte, bitte.
Abgesehen vom Buch scheint für Herrn Bernemanns Selbstliebe ja kaum Platz in seinem Blog - wenn ich mir so das Foto anschaue: http://dirkbernemann.blogspot.com/