
Die Gesellschaft als dekonstruierte Familie
Philosophisches Kabarett
Gehen wir davon aus, die Gesellschaft sei eine Familie. Das mag erst einmal abwegig klingen, ist die Gesellschaft doch, salopp gesagt, geradezu der Gegenbegriff zu einer Familie. Die Familie: Der Keim der Gesellschaft. Die Gesellschaft: die Ordnungsstruktur der Institutionen, der Verwaltungseinheiten.
Nehmen wir an die Institutionen verwalteten die Familieninteressen - so hätten wir einen übersichtlichen, hierarchischen Dreischritt:

2. Institutionen- verwalten die Familien
3. Gesellschaft- verwaltet die Institutionen
Um hier eine andere Ordnung hinein zu zaubern, schlage ich vor, wir berücksichtigen, dass das gerade verwendete Wort ,Gesellschaft' einfach mit Staat getauscht werden könnte und so der schöne Dreischritt mehr Sinn ergäbe, also:
3. Staat- Verwaltet die Institutionen
Da ließe sich aber einwenden, dass der Staat ja nun selbst eine Institution sei, primus inter pares vielleicht, der Chef unter den Verwaltungseinheiten, also eignet er sich eigentlich nicht, um die Institutionen zu verwalten.
Das kann der Staat nur deshalb- und jetzt fühlen Sie sich nicht, wie ein Kind behandelt, nur weil ich mich konzentrieren muss, um den eigenen Gedanken folgen zu können- weil er eine demokratische Institution ist. So identifizieren wir den Staat mit der Gesellschaft- eben weil wir annehmen er würde diese repräsentieren.
(Wer sich mit Zeichentheorie beschäftigt, kann mit mir in den Abgrund blicken, der sich hier theoretisch auftut: Wie soll schon das eine das andere repräsentieren - das wäre ja Magie!)
Dann hat der Staat das Gewaltmonopol, macht die Gesetzgebung usw. - er bleibt dennoch eine Verwaltungseinheit. Sie sind nicht überrascht- Sie denken: Ach wirklich - Ich auch. Ja, das ist ja einfach.

Doch was ist dann unsere Gesellschaft? Eine zeitgenössische Antwort lautet: ,Sie ist tot'! Sinngemäß heißt es zum Beispiel in der gern besprochenen Schrift "Der kommende Aufstand", dass wir die Leiche der Gesellschaft nur noch wegräumen müssten. Dies ist wahrscheinlich auch inspiriert vom Soziologie-Hasardeur Jean Baudrillard, der das System (aufgepasst nun ist es das System, nicht mehr die Gesellschaft) am Rande des Untergangs wähnte, so dass sie mit einem gezielten Nadelstich, wie ein zu praller Ballon, zum Platzen gebracht werden könnte.
Beides elegante Vorstellungen. Die tote Gesellschaft erinnert an Nietzsches toten Gott und wenn ich noch ein wenig Durkheim (noch ein Soziologe) dazwischen schalte, der annahm dass der "Gott des Clans der spiritualisierte Clan selbst" (Wikipedia) sei, gelangen wir erneut zu einem erhellenden Dreischritt:
1. Gott ist tot + Durkheim: Gott = Gesellschaft
2. Gesellschaft ist tot (s.o.)
+ eine Prise erfrischenden Größenwahn von mir:
Gott = Ich(bzw. steht hinter dieser Annahme ein semiotisches Relativitätskonzept, welches besagt, das jedes Zeichen mich genauso repräsentiert, wie das Wort ,Ich')
3. Ich bin tot
Auch wenn Sie bis hierher nicht folgen konnten, kann ich das selbst auch nur, weil ich beim Schreiben Stimmen im Kopf singen höre, die mir zusichern, dass dies schon alles seine Richtigkeit habe.

So wie in der Gendertheorie der Geschlechtsbegriff auf seine soziale Performanz hin untersucht und so als bio-normativer Wertbegriff dekonstruiert wird, so muss auch die Familie - der Begriff der Familie- und alle in Ihr konstituierten Verwandtschaftsverhältnisse hinsichtlich ihrer jeweiligen Performanz untersucht und so (auch) als Handlung redefiniert werden. Die familiäre Praxis kann so aus dem Erziehungskontext entkoppelt werden und für alle Akteure erschließt sich die Möglichkeit einander Familie zu sein. So wird ,familiäres' handeln auch als institutionelle Praxis legitim. So kann Korruption und Vitamin-B und Vetternwirtschaft emphatisch verabschiedet werden. Die ,Familiarität' der Institutionen offen zu thematisieren ermöglicht auch die Fortführung des Emanzipationsprozesses auf institutioneller Ebene. So wird miserable institutionelle Pädagogik besser kritisierbar und alternative Formen des Miteinanders können letztendlich auch auf staatlicher Ebene verwirklicht werden.
Für meinen konkreten Fall, in dem ich für Freiräume für Kunst eintrete, bedeutet diese Sichtweise im Kleinen, dass den kulturfördernden Institutionen die Möglichkeit gegeben würde sich ,familiär' zu verhalten und endlich allen Menschen legitim die Möglichkeit zu geben, ihre Grenzen kennen zu lernen, Fähigkeiten zu entwickeln und nur dann in der Gesellschaft vor die Hunde gehen zu müssen, wenn sie sich dafür bereit fühlen - sprich: Auf Augenhöhe. So wie es viele können, die liebevoll und liberal erzogen wurden.
Und wenn Sie jetzt denken, sie wüssten was ich meine, ahnen Sie nicht, wie sauer ich bin und wie gern ich auf Verständnis verzichte.
Hochachtungsvoll,
Ihr Hahn von Opel
Der Autor betreibt Philosophie als Kabarett auch auf der Bühne- und zwar nicht, weil er der Meinung ist, das Philosophie nur ein Witz wäre.
Aktuelle Termine finden sich unregelmäßig auf: joscha-hendricksen.de
Foto Wasserballon: von Hase.04
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Quelle: www.piqs.de
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