Das Erlebnis - Martin Sonneborns Lesung in Oberhausen

Martin Sonneborn - Foto: Alexander KlinkAls regelmäßiger Leser der Satire- Zeitschrift „Titanic“, deren Chefredakteur Martin Sonneborn einst war, wusste ich bereits im Groben, was mich bei der Lesung im Druckluft erwartete. Naheliegend war es reine Satire zu erwarten, denn die Titanic ist nunmal ein Satiremagazin und die Partei, die Sonneborn und seine Freunde gegründet haben ist, wenn überhaupt bekannt, als Satire-Partei verschrieen. Etwas Aufmerksamkeit erlangten diee - nur als „Die Partei“ bezeichnete Gruppe - kürzlich dadurch, dass der Wahlleiter sie wegen mangelnder Ernsthaftigkeit von der Bundestagswahl 2009 ausschloss. Selbst Sonneborn musste während seiner Lesung gestehen, dass dies angesichts ihrer Wahlwerbung im Jahr 2005 nicht ganz unangemessen war, obgleich „Die Partei“ gerichtlich gegen diesen Ausschluss vorgeht. Doch dazu am Schluss...

Sonneborn betont wie schön es sei seine Lesereise in „Dings“ beginnen zu können, in einem unbedeutenden westdeutschen Randgebiet, um ein bisschen zu proben - so hätte es ihm der Verlag empfohlen. Er kündigt an nur kurz aus dem „Partei“ -Buch lesen zu wollen, um dann frei vorzutragen. Zwischendurch sollen Fragen gestellt werden.

So erzählt Sonneborn allerlei skurriles: er sei Mitglied aller Parteien, außer der Grünen, er wolle die Macht übernehmen, die innerdeutsche Mauer wieder aufbauen usw; Sonneborn trainiert seit Jahren seriös wirken zu können, lacht selten, obwohl die Inhalte haarsträubend sind.

Martin Sonneborn - Das Partei BuchDoch was eigentlich interessanter ist, als das bloße Fakt, dass eine Satirezeitung Politik karikiert ist, dass sie selbst eine Partei gegründet haben. „Die Partei“ eine Satire-Partei zu nennen ist wohl richtig, dennoch ist eine Parteiengründung keine Satire. Denn „Die Partei“ ist echt. Sie hat einen Vorstand, Gremien, einen Parteitag, ein Wahlprogramm und Kandidaten. Sie war sogar wählbar (sogar in Essen!).

Für mich lautet die spannende Frage deshalb wie folgt:
Wenn „Die Partei“ eine echte Partei ist, dann ist es gleichgültig, ob ihre Ziele satirisch scheinen. Wenn wir „Die Partei“ als Satire verstehen, also ironisch entwerten, also annehmen sie wäre keine Partei, ändert das nichts an ihrem realen Bestehen. Wenn die Titanic-Redaktion nur hätte einen Witz machen wollen, hätte sie eine solche Partei auch erfinden können, so wie Horst Schlämmer.

„Die Partei“ ist echt, aber niemand glaubt es

Satire ist somit auch ein warmer Deckmantel. „Die Partei“ ist echt, aber niemand glaubt es. Ist es nicht schön, dass wir es gewöhnt sind selbst die absurdesten Aussagen mit Humor zu nehmen? Dies ist keine Aufforderung zu mehr Ernsthaftigkeit, denn wie könnte dann eine Regierung an der Macht bleiben, die ihre eigenen Versprechen bricht?

Ohne Humor, oder heißt das Zynismus (?-) würden die Bürger ja in einem niemals enden-wollenden Wuttornado des Entsetzens verglühen. Wir sind es aber gewohnt alles nicht so ernst zu nehmen. Wenn die Partei also die Mauer wieder aufbauen will, na dann...

Also, nun mal wirklich als Frage: Können wir die absurden Thesen der „Partei“ deshalb nicht in Frage stellen, weil auch andere Parteien einer ernsthaften Auseinandersetzung nicht stand halten würden? Müssen wir, weil wir in einer unglaubwürdigen Demokratie leben, eine unglaubwürdige Partei mittragen? Ich denke ja.

Besten Gruß

P.S.: Die Wahlwerbung bei deren Vorführung M. Sonneborn die eigene fehlende Ernsthaftigkeit einräumen musste, findet sich hier.
... „Die Partei“ hatte ihre Sendezeit an den Billigflieger HLX verkauft.

Foto: Alexander Klink

So, 06.12.2009 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Ähnliche Beiträge

Über den Autor

03.12.2009

Letzte Kommentare des Autors

Stadt

Branche

Aktuelle Tweets

[ART] Trauer um Installationskünstler Mike Kelley http://t.co/PrHAUOUJ /via @focusonline
[LIVE] Special @Transmediale Livestream Tonight: Joshua Lightshow with Oneohtrix Point Never http://t.co/BUoueAJe #tm2k12 /RT @Bernd_Fesel
[STARTUP] #Kreativwirtschaft: Flächen in Hamburg zu vergeben http://t.co/VnVrsrgB /via @kultur_port_de
[CREATIVE] Das Kreativdorf in Essen ist gescheitert - vorerst http://t.co/JVmT4s8c /via @derwesten