
Dérive Rhein-Ruhr - Die Stadt als Text
- Serie: Quergelesen
Angeregt von den Dérive-Experimenten der Situationisten, die der von den Verheerungen des Kapitalismus und einer »autogerechten« Verkehrsplanung gezeichneten modernen Stadt ihre bewußt subjektive Aneignung des Stadtraums entgegensetzten, bewege ich mich in »Deutschlands größter Stadt«, die eigentlich gar keine ist – sondern ein Patchwork aus vielen. Das mag einigermaßen absurd erscheinen, zumal das Ruhrgebiet zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus »automobilen Zonen« (Susanne Hauser) besteht, die in der Regel durchfahren werden und nicht durchwandert. Guy Debord konnte bereits in den siebziger Jahren die »Erniedrigung von Paris« nicht mehr mitansehen und beklagte die Zerstörung der Viertel, durch die er mit seinen Freunden psychogeographische Forschungsreisen unternommen hatte. Dennoch scheint mir das Gehen die einzige Möglichkeit zu sein, eine Stadt wirklich zu lesen, denn ich bewege mich im Ruhrgebiet umherschweifend als Schriftsteller, die Verwandlung meiner Lektüre der Stadtlandschaft in Text visierend. Am Ende dieser Aneignung stehen »die aus schrift gebildeten staedte« (Waltraud Seidlhofer).
Ich erwandere Stadtteile und Peripherien, Dortmund-Mengede oder Hagen-Haspe, Duisburg-Rheinhausen, Bottrop-Kirchhellen usf., ohne Ziel und ohne genauen Plan, intuitiv den »Verlockungen des Terrains« (Debord) folgend, Atmosphären nachspürend, die Stadtlandschaft gleichsam psychogeographisch kartographierend. Ich mache mir Notizen. Ich lasse mich treiben. Ich setze mich in Kneipen. Ich lese aber vor allem auch in den vielen Texten, die sich einem aufmerksamen Leser im Stadtraum darbieten. »Wo ich auch halt mache, bin ich umgeben, eingekreist von Text«, schreibt Michel Butor in seinem Essay Die Stadt als Text. »Die Funktion der Stadt als Speicher von Texten ist so wichtig, daß man sich fragen kann, ob darin nicht ihre wichtigste Wurzel liegt.« Diese Texte an der visuellen Oberfläche der Stadt fließen ein in die mit »Dérive« überschriebenen Abschnitte meines Ruhrtexts (»Dérive VII: Walsum«, »Dérive XII: Bergkamen« usf.) Die Lektüre aber geht weiter und wendet sich auch den »verborgenen Texten« (Butor) in den Bibliotheken und Archiven zu. Auf dieser Grundlage schreibe ich Texte, die Tiefenbohrungen vornehmen, historische Ereignisse beleuchten oder Hintergründe erforschen. Trotz dieser quasi wissenschaftlichen Recherche bleibt der Blick auch hier subjektiv. Ich interessiere mich dann etwa nicht für Fußball, dafür aber für die Arbeit eines in Duisburg lebenden Komponisten. Henri Lefèbvre schreibt: »Alles in der urbanen Wirklichkeit verläuft, als ob alles, woraus sie sich zusammensetzt, sich näherkommen könnte, immer wieder und immer mehr.«
Florian Neuner: Ruhrtext. Eine Revierlektüre. Klever Verlag, Wien 2010
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