Musikproduzent Lars Leonhard (c) Lars Leonhard

"Ambient ist die Königsdisziplin"

Der Düsseldorfer Produzent Lars Leonhard im Interview

Der Düsseldorfer Musikproduzent Lars Leonhard veröffentlicht beim Essener Label BineMusic sein Debütalbum "1549". Es beschäftigt sich als Konzeptalbum mit dem Flug 1549 der US Airways, der 2009 kurz nach dem Start notwassern musste. Im Interview spricht der Künstler, der neben der Musik als Gärtner arbeitet, über seine Heimat Düsseldorf, sein Album und den kreativen Prozess des Produzierens.

 

Du arbeitest eigentlich als Gärtner – wie bist Du zum Produzieren gekommen?
Lars Leonhard: Das Experimentieren mit Sounds entdeckte ich schon viele Jahre vor der Leidenschaft zu Gärtnern. Ich höre, seit ich denken kann, elektronische Musik. Irgendwann reichte mir allerdings das reine Konsumieren nicht mehr und ich wollte gerne selber produzieren. Mit 19 kaufte ich mir dann ein kleines Keyboard auf dem Trödel und sammelte erste Erfahrungen im Umgang mit Sounds, kreierte eigene Melodien und arrangierte Tracks. Ich war von Anfang an sofort infiziert und sitze bis heute fast täglich an meinem Rechner und bastle an Sounds und Tracks.

 

Dein Debütalbum erscheint beim Essener Label BineMusic – wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
2009 verschickte ich einige Demo-CDs an deutsche Labels, unter anderem an Jens Rößger von BineMusic. Zu meiner großen Überraschung interessierte er sich für den Track „Citylights“ und wollte ihn gern auf einer Label-Compilation veröffentlichen, die im April 2010 erschien. Wir halten seitdem stetig Kontakt und trafen uns auch persönlich, um mit einem Glas Champagner auf meine bei BineMusic erscheinende CD „1549“ anzustoßen. In den letzten zwei Jahren hat sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen uns entwickelt, wir sehen uns zwar selten, telefonieren aber mehrmals die Woche.

 

Wie kamst Du auf die Idee, als Debüt ein Konzeptalbum herauszubringen, das sich mit einem Flugzeugunglück beschäftigt?
Wir sollten eher von „Flugzeug-Glück“ als von „Unglück“ sprechen, denn alle Insassen des Fluges 1549 konnten das Flugzeug unbeschadet verlassen. Niemals hätte ich einen Flug gewählt, bei dem Menschen zu Schaden gekommen wären. Auf Flug 1549 bin ich über die Medien aufmerksam geworden. 2009 musste der Flug der US Airways kurz nach dem Start eine Notlandung im Hudson-River machen und wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, das war eine kleine Sensation. Ich war gebannt von soviel Glück und Freude, die die Bilder der Rettungsaktion ausstrahlten. Schwere Unglücke, bei denen Menschen ums Leben kommen, werden uns in den Nachrichten fast täglich präsentiert – umso schöner, wenn dann so eine unglaubliche Notwasserung gelingt und niemand zu Schaden kommt.

 

Daraufhin kam die Idee, dazu eine musikalische Kulisse zu entwerfen?
Bei YouTube habe ich den Original- Funkspruch gefunden, der während der Notwasserung zwischen dem New Yorker Tower und dem Piloten stattfand. Während ich dem Funkspruch lauschte, kamen mir Ideen, wie man das Ganze musikalisch untermalen könnte. Ursprünglich war geplant, den Funkspruch in die Produktion einzubinden, aber aus rechtlichen Gründen musste ich diese Idee verwerfen.

 

Während Du in früheren Releases wie „City Lights“ mit tanzbaren Beats arbeitest, ist Dein neuer Release überwiegend ruhig und sphärisch – wie kam es zu diesem Wandel?
Ich würde nicht von Wandel sprechen, eher von Weiterentwickelung, denn wer meine Veröffentlichungen verfolgt, weiß, dass ich mich nicht nur in einem Genre bewege. Zwischen meinen Tech- und Deephouse-Produktionen finden sich auch immer wieder Ambient-Tracks. Auf dem noch jungen deutschen Label „Klangschleife“ wird am 8. November 2011 eine schöne EP mit dem Titel „ Tibouchina“ erscheinen. Darauf ist neben Deephouse auch ein Ambient Track namens „Pacific Ocean“ zu finden. Ambient begleitet mich von Beginn an. Ich liebe Atmos und deepe Flächen. Deep-, Dub- und Tech-House-Elemente in Kombination mit Ambient-Elementen sind die Zutaten, mit denen ich meinen aktuellen Style perfektioniere. Ich liebe es umso mehr, wenn tanzbare Tracks richtig Tiefgang haben und unter die Haut gehen. Ab dem sechsten Track auf der „1549“ wird es sehr rhythmisch und eigentlich ist es für mich auch kein reines Ambient-Album. Hier kommen auch Dubtechno, Deephouse und Lounge hinzu. Wer allerdings wütende Bassdrums und hektisches Hihat-Treiben erwartet, wird enttäuscht sein.

 

Also ist der ruhigere Sound Ergebnis eines Reifeprozesses?
Früher hatte ich nicht die Ruhe und Erfahrung, um ein so deepes und farbenreiches Album zu machen. Ich nehme mir heute viel mehr Zeit und wähle ganz bewusst den richtigen Zeitpunkt aus, um einen Track zu produzieren. Ambient ist in meinen Augen die Königsdisziplin der elektronischen Musik und nirgendwo kommen die Emotionen eines Artisten so deutlich herüber wie dort. Ambient verzeiht dir keinen Fehler bei den Sounds. Es gibt Musikrichtungen, die produziert man eben nur, wenn man aus vollem Herzen und mit Leidenschaft dabei ist.

 

Was bedeutet es für Dich, als Musiker in Düsseldorf zu arbeiten?
Zum Produzieren könnte ich auch auf einer einsamen Insel leben, aber ich liebe Düsseldorf und könnte mir niemals vorstellen, in eine andere Stadt zu ziehen. Ich mag die ganzen urigen Kneipen und unsere Altstadt mit ihrer Rheinpromenade. Für mich persönlich gibt es keine größere Inspiration als die Naturflecken wie das alte BUGA-Gelände, der Volksgarten oder der Botanische Garten. Da ich kein Live-Musiker oder DJ bin, spielt es für mich auch keine große Rolle, nach Auftrittsmöglichkeiten in Düsseldorf zu suchen.

 

Welche Möglichkeiten gibt es für Künstler wie Dich, um ihre Arbeit in der Region und darüber hinaus zu promoten?
In einem unkonventionellen Rahmen fand dieses Jahr im Juli zum ersten Mal die „New Düsseldorf Pop“ statt. Ich habe mich sehr gefreut, mit Unterstützung des Initiators und Journalisten Michael Wenzel meine zu dem Zeitpunkt aktuelle EP „Atropurpureum“ promoten zu dürfen. Es gibt sicherlich viele Anlaufstellen, um seine Arbeiten in Düsseldorf zu promoten. Da meine Musik jedoch überwiegend im Ausland gehört wird, ziehe ich das Internet für Promozwecke vor.

 

Bist Du denn in der Region und der hiesigen Szene vernetzt?
2009 habe ich den Musiker-Stammtisch Düsseldorf ins Leben gerufen, um jeden zweiten Mittwoch im Monat in einer vorher abgesprochenen Location mal alle Musiker in der Region an einen Tisch zu bekommen. Die Idee hinter dieser Gruppe steht für Realtreffen von Musikern jeden Genres aus Düsseldorf und Umgebung. Mittlerweile sind wir gut 200 Musiker und zu den Treffen sind wir meist im zweistelligen Bereich vertreten. In der Gruppe werde ich liebevoll „Elektro-Jonny“ genannt, da ich mit meinem Genre scheinbar fast eine Ausnahme in Düsseldorf bin. Die Meisten produzieren Rock, Pop, Folk und Metal.

 

Aber in der Clubszene bist Du eher selten unterwegs?
Ich bin kein großer Szene- oder Club-Gänger und so habe ich wahrscheinlich regional auch noch nicht die „richtigen“ Leute getroffen, was meine Musikrichtung betrifft. Mein Netz aus Gleichgesinnten habe ich mir im Internet gesponnen und habe so zum Beispiel über Facebook und Soundcloud die meisten meiner Labels und einige gute Künstler kennengelernt. Mittlerweile sind weltweit richtig gute Releases und Kollaborationen entstanden. Lasst Euch überraschen, was da noch kommt.

 

Was kommt denn als nächstes nach dem Debütalbum?
Neben zahlreichen EP-Anfragen von Digital Labels – die ich leider nicht alle erfüllen kann, weil mir schlicht die Zeit fehlt – arbeite ich gerade schon intensiv am Konzept für das nächste Album, welches auch bei BineMusic erscheinen wird. Es wird ein Konzeptalbum, das sich mit den vier Jahreszeiten beschäftigt und soll Ende 2012 erscheinen. Mehr wird jetzt nicht verraten, stay tuned!

Di, 25.10.2011 0

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19.01.2010

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