A40 – Die Schönheit im Auge des Befahrers

Grau, hässlich, voller Abgase: Die A40 ist ein notorisches Übel, das es zu meiden gilt. Stimmt gar nicht, findet Markus Ambach, der Kurator der RUHR.2010-Ausstellung „B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße“. Für ihn ist das Band, das das Revier zusammenhält, ein Labor für urbane Entwicklungen der Zukunft. Mit dabei: Atelier van Lieshout, die Kurzfilmtage Oberhausen und Rita McBride.

Herr Ambach, die Installationen ihrer Ausstellung sind vielfältig: Im Bochumer Tuninghandel „D&W“ tauschen Sie Werbeplakate mit Pin-Up-Motiven gegen Fotokunst aus und richten ein mobiles Motel ein. Auf der Raststätte gegenüber platzieren Sie silberne Kuben in Lkw-Dimensionen. An einer Pumpstation in Duisburg haben Sie einen Bienenstand eingerichtet, der Honig produziert. Und schließlich steht nun am Autobahnkreuz Kaiserberg in Duisburg eine riesige Skulptur der renommierten Bildhauerin Rita McBride. Wo ist da der Zusammenhang?

Markus Ambach: Unsere Installationen sind in der Tat sehr unterschiedlich – sie verweisen damit auf die verschiedenen Formen des Lebens an der A40. Vom Schrebergärtner und Kleinbauern über Trucker und Einkäufer bis hin zu den Autotunern – jeder nutzt die von der Politik übergangenen Räume an der großen Straße auf seine Art und Weise. Die Größe oder die Wichtigkeit zählt dabei nicht, nur das Tun an sich.

Sie sprechen über eher alltägliche Nutzungen. Sind diese Soziotope und ihre Typen bereits ein so wichtiger Teil der Ruhrgebietsfolklore, dass sie als Vorlage für Kunst dienen können?

Markus Ambach: Ja, denn die Menschen entlang der A40 sind Pioniere, die sich diesen vernachlässigten Stadtraum in Eigeninitiative zurückerobert haben. Ob Taubenzucht oder Aufmotzen von Autos: Im ‚klein aber mein’ steckt eine gewaltige gestalterische Kraft, die viel mit Kunst zu tun hat – und von der die Kunst auch lernen kann.
Einerseits bieten diese Soziotope Inspirationen und Vorlagen, andererseits werden wir sie in unsere Arbeiten integrieren und auch künstlerisch intervenieren.

Intervention? Das klingt nach einem Eingriff in die sonst kunstfernen Lebenswelten.

Markus Ambach: Auf den ersten Blick schon. Aber wir glauben an die Gemeinsamkeiten beider Milieus, auch wenn sie nicht auf der Hand liegen: Auf dem Parkplatz des Tunertreffs spannen wir gerade eine Leinwand für ein Autokino auf, das Programm dazu kuratieren die Kurzfilmtage Oberhausen. Wir suchen dafür Filme aus, die mit Mobilität zu tun haben, z.B. „Week End“ von Jean-Luc Godard oder „Faster Pussycat – Kill!“ von Russ Meyer

Stehen die Autoschrauber nicht eher auf „Manta, Manta“?

Markus Ambach: Sicher. Aber ich glaube, dass auch unser ambitioniertes Programm funktionieren kann. Den Anfang haben wir schon auf der Eröffnung der Ausstellung am 13. Juni gemacht: Es kam zu einer tollen Kooperation von Jochen Reich, dem deutschem Meister im Autodriften, und Joop van Lieshout, dem berühmten niederländischen Künstler. Sie zeichneten per Reifenabrieb ein abstraktes Motiv auf den Parkplatz.

Ist das nicht ein bisschen trivial?

Markus Ambach: Ich würde eher sagen, dass die Arbeit mit der Tuning-Gemeinde, die sich jeden Freitagabend am Dückerweg in Wattenscheid trifft, besonders spannend ist. Vor allem, weil die Ressentiments gegen diese Leute extrem groß sind – gerade in der Kunstszene. Hier hinzugehen und aufzudecken, dass diese „Boyracer“ mit extrem viel Phantasie und Engagement an ihre Autos gehen, öffnet die Augen.

Frank Goosen benannte ein Programm „A40“, in Mülheim wurde eine U-Bahnstation unter der Autobahn zur „Eichbaumoper“, die Band Mongkok komponierte eine GPS-gesteuerte „Symphonie A40“. Ist in der künstlerischen Verhandlung der Straße nicht schon alles gesagt?

Markus Ambach: Nein, denn es wird immer noch zuwenig auf die Ränder der A40 geschaut. Beispiel Kreuz Kaiserberg: Wer drüber fährt, denkt, dass es ein grauenhafter Ort sein muss. Wenn man aussteigt, entdeckt man ein Soziobiotop unter dem Beton der Brücken: Eine Fischfarm, ein Ponyhof, ein kleines Dörfchen voller Menschen, die ihr ganzes Leben an diesem Ort verbracht haben. Dieser Stadtraum besitzt eine unheimliche Kontrasthöhe, er ist sehr grün und gleichzeitig sehr laut, wechselt ständig vom einen ins andere.

Das klingt außergewöhnlich, aber ist es auch „schön“?

Markus Ambach: Für mich ist diese Komplexität ist doch viel interessanter als ein Viertel, in dem alles gleich ist. Diese Schönheit ist natürlich sehr ambivalent und der Titel auch provokant – jeder kennt die A40 als hochproblematischen Verkehrsraum.
Die Schönheit entsteht für mich auch im wunderbaren Umgang der Anrainer mit den Widrigkeiten des Verkehrsraums, allein gelassen von der Politik.

Sie arbeiten schon seit fünf Jahren an „B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße, das von der RUHR.2010 sogar als Leitprojekt in die Kulturhauptstadt-Bewerbung aufgenommen wurde. Was lernen wir von der Ausstellung?

Markus Ambach: Kunst im öffentlichen Raum, vor allem an der Schnittstelle zur Stadtplanung, kann uns Möglichkeiten zum zukünftigen Umgang mit den Problemen von Urbanität und Verkehrsräumen zeigen. Das Ruhrgebiet ist da sein Vorreiter: Seine Städte wachsen zusammen, aus Vororten werden Zentren und die Lebensader A40 avanciert zum Boulevard, an dem echtes Leben spielt. In unserem Projekt versuchen wir, diese Möglichkeiten mit Erfahrungen und Geschichten zu einer großen Erzählung zu verschmelzen und ein „Roadmovie-Ruhr“ entstehen zu lassen.

ZUR PERSON:
Der Düsseldorfer Künstler und Markus Ambach kuratiert die RUHR.2010-Ausstellung „B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße“. Nach Studium an der Kunstakademie Düsseldorf und Meisterschule bei Christian Megert widmete er sich vorwiegend Kunst und Interventionen im öffentlichen Raum. Markus Ambach arbeitet als Dozent an der UDK Berlin

ZUM PROJEKT:
„B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße“: 12.6. bis 8.8.2010, Wanderweg Landschaftspark Kaiserberg Duisburg, Rundweg Dückerweg/Vietingstrasse, Bochum, Rhein-Ruhr-Zentrum, Mülheim an der Ruhr. Beteiligte Künstler:

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So, 20.06.2010 1

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lebensader

Eine Lebensader, die keiner so begreift; Räume an der Lebensader, die von der Politik vergessen sind; Leben in Räumen mit maximaler Kontrasthöhe. Lebendigkeit vor Schönheit. Alles richtig. Doch was nun? Quo vadies A40? Beginnt die Politik sich zu kümmern, verschwinden diese Räume und Soziotope im gutmeinenden Ordnungs- und Formalsinn öffentlicher Verwaltung; Soll sich die Politik kümmern? Wollen diese Leute vergessen bleiben und verzichten auf "Hilfe"? Wenn ja, wird es nichts mit Schönheit und Kunst an der A40. Die Kontrasthöhe an der A40 entspricht der Fallhöhe der Zukunftsgestaltung der A40. Doch lieber tief fallen, als nicht springen!

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06.01.2010

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